Carolin Okon: Farbe, Freiheit, Ungehorsam

Carolin Okon: Farbe, Freiheit, Ungehorsam

Vom 1. März bis 31. Mai zeigt Carolin Okon im Foyer der media city leipzig ausgewählte Werke ihrer Ausstellung „Donner in den Rippen“. Okon steht für expressive Malerei, humorvolle Intervention und eine kompromisslose Haltung zur künstlerischen Freiheit. Wir haben mit der Leipziger Künstlerin darüber gesprochen, warum Kunst stören darf und weshalb man Bilder vor allem mit dem Herzen begreifen sollte.

 

Frau Okon, wie sind Sie zur Kunst gekommen? Gab es einen bestimmten Moment oder ein Erlebnis, das Ihre Entscheidung geprägt hat?

Naja, als Kind haben wir alle gerne gemalt. Dann setzt irgendwann bei Vielen das Schamgefühl ein: Wir sind leider Bewertungen und Zensuren gewohnt. Dem begegnete ich mit Gleichgültigkeit und habe einfach weiter gemalt. Auf allem – Wänden, Schränken, Vasen, Brettchen… danke, Mama!

Sie haben bereits früh begonnen zu malen, unter anderem Porträts von Ikonen wie Elvis Presley oder James Dean auf eher unkonventionellen Oberflächen. Inwiefern haben diese frühen Arbeiten Ihre heutige künstlerische Haltung beeinflusst?

Not macht bekanntlich erfinderisch, besonders zu DDR-Zeiten. Ich war quasi ein Kopierer mit Pinsel, indem ich die teuren und verbotenen Bravo-Poster für Freunde abgemalt habe. Elvis und James Dean lebten zumindest in der BRAVO noch. Und da mir auch das Maltuch fehlte, gestaltete ich sogar eine DDR-Fahne neu: Emblem ab, Elvis drauf. Das war die Haltung einer Teenagerin. Eine wirkliche künstlerische Haltung habe ich erst entwickelt, als ich mich davon löste. Viel zu lange habe ich geglaubt, es ist erst dann Kunst, wenn ich fotorealistisch male.

Welche Rolle spielt Ihre ostdeutsche Herkunft in Ihrer Entwicklung?

Meine ostdeutsche Herkunft hat mich in der Kunst eher gebremst. Kunstbücher waren schwarz-weiß bebildert. Und was ist bitte eine Vernissage? Es gab in meinem kleinen Ort keine Berührungspunkte. Allerdings profitiere ich noch heute von dem Spaß am Improvisieren, am Experimentieren und dem Drang ‚einfach machen‘. 

In Ihrer Vita kann man lesen, Sie hätten sich 1999 in Leipzig verliebt. Was genau macht den Reiz dieser Stadt für Sie aus?

Mein erster Besuch in Leipzig und die Begegnung mit Einheimischen: „Komm mit, wir gehen auf eine Hochzeit. Da heiraten zwei Häuser.“ Ich verstand kein Wort, ging natürlich trotzdem mit. Schräg, skurril, lebendig, kreativ, verbindend, bis hin zu romantisch – das ist Leipzig für mich.

Ihre Ausbildung liegt im Bereich Film und Fernsehen und nicht in einer klassischen Kunstausbildung. Würden Sie sagen, dass sich dieser Hintergrund auf Ihre Bildsprache ausgewirkt hat?

Bei meiner Medienausbildung war ich noch auf der Suche. Das war der Umweg, den ich brauchte, um mich voll und ganz der Malerei hinzugeben.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten sich selbst die „Erlaubnis zum Malen“ gegeben. Was bedeutet künstlerische Freiheit für Sie persönlich?

Freiheit heißt für mich, ohne Wertvorstellungen und Regeln anderer zu leben. Ich kann nur wachsen, wenn ich auch scheitern darf. Also ja, ich gebe mir für alles selbst die Erlaubnis, besonders in der Kunst. Oder wenigstens in der Kunst. Denn ich bin eine Frau und mache mir da nichts vor: Freiheit ist für uns meist eine Illusion.

Humor spielt in vielen Ihrer Arbeiten eine Rolle. Welche Bedeutung hat Humor für Sie als künstlerisches Mittel?

Ich kann gut über mich selbst lachen, liebe Leichtigkeit und pflege mein inneres Kind. Und ich habe auch noch Spaß bei der Arbeit. Allerdings nur, wenn ich die Welt aussperre.

Ihre Werke entstehen häufig jenseits klassischer Regeln oder Erwartungen. Wie gehen Sie mit äußeren Zuschreibungen oder Erwartungen an Ihre Kunst um?

Welche Regeln? Kunst darf man fühlen, alles andere ist Quark.

Vom 1. März bis 31. Mai zeigen Sie mehrere Arbeiten im Foyer der media city leipzig. Gibt es ein übergeordnetes Motto oder thematisches Leitmotiv dieser Ausstellung?

„Donner in den Rippen“ heißt die Ausstellung. Ob sich das auf meine Gemälde bezieht oder auf mich und meine Gastkünstlery, kann man gerne am 26.03.26 erforschen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Werke für diese Ausstellung ausgewählt?

Ich fürchte, dass ich die genaue Auswahl meiner Werke bis zur Aufhängung noch mehrfach überdenke. Vielleicht „verspricht“ sich unser Kanzler bis dahin noch zwei Mal und ich möchte mit einem Gemälde antworten. „Töchter“ werde ich definitiv ausstellen.

Gibt es ein Bild innerhalb der Ausstellung, das Ihnen besonders am Herzen liegt oder eine persönliche Geschichte erzählt?

Leider kenne auch ich den Trennungsschmerz. Mit Herz dabei gilt natürlich für alle. Aber auf einem Schild wird definitiv stehen: „nur gucken“ – nicht zu verkaufen. Das Bild heißt „Wer kauft mir eine Rakete“. Dieses Gemälde hat jetzt auch ein Gedicht von der jungen Poetin the free vivi. Ihre Poesie ist für mich wie der letzte Pinselstrich, das, was noch gefehlt hatte. Jetzt ist es rund.

Wie wünschen Sie sich, dass Besucherinnen und Besucher Ihre Ausstellung erleben?

Wenn meine Gemälde nicht verstanden, sondern gefühlt werden und Gäste ihrem Kopf eine Pause gönnen, habe ich einen guten Job gemacht. Der Raum darf dabei mitspielen: stehenbleiben, nähertreten, Abstand nehmen, atmen und auch lauschen. Meine Bilder werden von Vivis Gedichten begleitet, die leise über QR-Codes abrufbar sind. Wer bei ihrer Poesie an ‚Blümchen‘ denkt, wird sich wundern, denn ‚Feuer und Wucht‘ trifft es eher.

Sie arbeiten sowohl in der Malerei als auch mit großformatigen Skulpturen. Woran entscheiden Sie, ob eine Idee als Bild oder als plastische Arbeit umgesetzt wird?

Skulpturen werden von Anfang an als Skulpturen geplant. Auch wenn ich zuvor kleine Modelle anfertige: Ob dies wirklich als Skulptur funktioniert, weiß ich erst in dem Moment, in dem sie haptisch entsteht. Ich vergleiche das gerne mit einer Geburt. Zwar ohne echten Schmerz, aber mit jeder Menge Aufregung, Liebe und Stolz.

Mehrere Ihrer Skulpturen befinden sich im öffentlichen Raum. Was reizt Sie besonders an Kunst außerhalb klassischer Ausstellungsorte?

Kunst ist für mich generell keine Dekoration, ganz besonders nicht im öffentlichen Raum. Eher eine Störung im besten Sinn. Ich glaube an Kunst als Intervention. Sie sollte nicht brav in Museen verstauben. Auf der Straße ist Kunst immer eine Einladung.

Wie würden Sie Ihren eigenen künstlerischen Stil beschreiben? Wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?

Mein Stil? Ich werfe Farben, tanze, fühle, kleckse. Tauche ab, in meine ganz eigene Welt. Expressiv würde man das nennen. Für mich: „Ich liebe Montage“.

Ihre Arbeiten werden unter anderem über die Saatchi Gallery präsentiert. Welche Bedeutung hat diese internationale Sichtbarkeit für Sie im Vergleich zu Ausstellungen im lokalen Kontext?

International ein Stück sichtbarer mache ich mich aktuell durch digitale Ausstellungen, Billboards für Kunst. So auch in New York am Times Square, dem größten Bling-Bling der Welt. In der Kunst ist es ja ein stetiges lautes Schreien und Blinken. Digital kann ich das auch bequem von der Couch aus.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in Ihrem Atelier aus?

Ein Tag im Atelier? Kaffee kochen, Kopfhörer an, und dann tanze ich mich in die Leichtigkeit. 

Wie gehen Sie mit kreativen Phasen um, in denen Ideen ausbleiben oder Zweifel auftreten?

Dass Ideen ausbleiben, darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich skizziere und male viel am iPad, bis in die Nacht hinein. Ideen sind genügend da. Viel härter sind Zeiten, die für Bürokratie, Planung, Kommunikation und Organisation nötig sind. Alles in Eigenregie bedeutet auch einen vollen Kopf. Bei der letzten Vernissage habe ich doch tatsächlich das Bier für die Band vergessen. Bevor Mitleid entsteht: Wir konnten die Katastrophe noch abwenden. The Rusted Dream Machine mögen mich noch und werden auch bei der Vernissage am 26.03.26 wieder spielen.

Und zu guter Letzt: Welchen Rat würden Sie jungen Künstlerinnen und Künstlern geben, die gerade am Anfang ihres Weges stehen?

Einen Rat an junge Künstlery* habe ich nicht direkt. Wir werden jetzt alle mit der KI noch einmal richtig durchgeschüttelt. Allerdings bin ich auch mit jüngeren Künstlerinnen vernetzt und helfe da sehr gerne, von Tipps für Ausstellungsräume bis hin zum Zwinkern: „Komm, lass uns mal gemeinsam klecksen.“

*Künstlery: Ich folge hier dem Vorschlag eines Österreichers aus den 90-ern für geschlechtsneutrale Benennung. Und ich spiele auch gerne mit gesellschaftlichen Rangeleien. :)

 

Hinweis: Am 26.3. findet um 18.00 Uhr eine Vernissage zur Ausstellung statt.

 

Über die Künstlerin

Die Leipziger Künstlerin Carolin Okon gehört zu den eigenwilligsten Stimmen der zeitgenössischen Kunstszene. Seit den späten 1980er-Jahren befragt sie in Gemälden, Skulpturen und öffentlichen Projekten die Grenzen zwischen Farbe, Gefühl und gesellschaftlicher Realität. Okon wuchs in der DDR auf und begann 1988 aus Mangel an Materialien, ihre Idole wie Elvis und James Dean auf ungewöhnlichen Trägern wie Karton, Stoff oder einer DDR-Flagge zu malen. Diese frühe „Not“ wurde zur fundamentalen Erfahrung ihres künstlerischen Selbstverständnisses: Kreativität kennt keine Schranken.

Heute arbeitet Okon in ihrem Leipziger Atelier mit Acryl und Stahl: immer impulsiv, oft expressiv, mit einem Augenzwinkern und einem klaren Bekenntnis zur Freiheit des Individuums. Ihre Malerei bewegt sich zwischen figurativer Präsenz und emotionaler Offenheit; ihre Stahlskulpturen im öffentlichen Raum erzählen von Tradition, Veränderung und Menschlichkeit. Werke wie der bemalte Oldtimer „Flora“ oder die mehrtonnigen Skulpturen in Apolda und Pausa zeigen eine Künstlerin, die gesellschaftliche Themen mit einer radikal eigenen Bildsprache verknüpft.

In Okons Kosmos gibt es keinen festen Stil, sondern ein stetiges Experimentieren: Farben, Formen, Ideen treten in Dialog miteinander und mit dem Betrachter. Mit der Ausstellung in der media city leipzig bietet Carolin Okon Einblicke in ein Werk, das von Erfindungsreichtum und Authentizität geprägt ist. Eine Einladung an alle, das Fremde im Nahen neu zu entdecken.

 

Kontakt:

Carolin Okon
Alfred-Kästner-Str. 74
04275 Leipzig 

Web: www.carolin-okon.de
Tel.: +49 163 884 0448

 

Biler

Carolin Okon (Foto von Annabell Engel)
Carolin Okon (Foto von Annabell Engel)
Jede Frau ist (Rechte: Carolin Okon)
Jede Frau ist (Rechte: Carolin Okon)
Wer kauft mir eine Rakete (Rechte: Carolin Okon)
Wer kauft mir eine Rakete (Rechte: Carolin Okon)
Gabelstapler & ich, dort wo die Skulpturen zum Leben erwachen – Firma Holl Markkleeberg (Rechte: Min Wang)
Gabelstapler & ich, dort wo die Skulpturen zum Leben erwachen – Firma Holl Markkleeberg (Rechte: Min Wang)
Februar 2026 (Foto von Annabell Engel)
Februar 2026 (Foto von Annabell Engel)
Carolin Okon (Foto von Annabell Engel)
Carolin Okon (Foto von Annabell Engel)